Norbert Groeben, Bettina Hurrelmann (Hrsg.), Medienkompetenz: Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim: Juventus, 2002. 318 Seiten.

Thomas Hermann         25.10.02

Der Begriff Medienkompetenz hat seit Ende des 20. Jahrhunderts eine sprunghafte Karriere gemacht, wobei er für den unterschiedlichsten Umgang mit Medien verwendet wird. Diese begriffliche Unbestimmtheit war Anlass für Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben, sich im vorliegenden Band dem Terminus interdisziplinär zu nähern, mit der Absicht, ein Konzept von Medienkompetenz vorzulegen, welches einerseits wissenschaftlichen Kriterien standhält, andererseits in Anbetracht des fortlaufenden technologischen Wandels genügend offen ist.

Als oberstes Ziel einer umfassenden Medienkompetenz wird das «gesellschaftlich handlungsfähige Subjekt» postuliert, zu dem Menschen in der modernen Informations- oder Mediengesellschaft herangebildet werden sollen. Norbert Groeben steckt in seiner Einleitung den Rahmen ab, indem er zunächst den Medien- und den Kompetenzbegriff problematisiert und dann die Zieldimension «Medienkompetenz» enger umreisst. Dabei plädiert er für einen «Medienbegriff mittlerer Reichweite», der empirisch operationalisierbar ist: Medien werden dabei sowohl als Informations- bzw. Kommunikationstechnologien wie auch als Sozialisationsinstanzen verstanden. Den Kompetenz-Begriff gilt es im Spannungsfeld zwischen Noam Chomskys Sprachkompetenzmodell und Habermas' Konzept von kommunikativer Kompetenz anzusiedeln; Medienkompetenz wird damit im Kontext übergeordneter Kompetenzdimensionen betrachtet.

Dass die Herausgeber den Medienkompetenz-Begriff in Ergänzung zur Lesekompetenz verstehen, wird z.B. im ersten Hauptteil klar, in dem unter anderem die Vorgeschichte der Medienkompetenz anhand verschiedener - teilweise widersprüchlicher - Theorien zur Wirkung von fiktionaler Literatur aus der literalen Gesellschaft des 19. Jahrhundert vorgestellt werden.

So wurde etwa in England den Knaben die in der Artusliteratur geschilderten Rollenmuster ausdrücklich als Handlungsmodelle zur Nachahmung empfohlen (Gabriele Müller-Oberhäuser), während es galt, Mädchen vor den massenweise konsumierten Backfischromanen zu schützen und sie mit «kultivierterer» Lektüre zu versehen (Gisela Wilkending).

Wie sich die Möglichkeiten von identifikatorischer Lektüre im Laufe der Zeit vom Bücherlesen bis hin zur Nutzung von interaktiven Computerangeboten und damit in Richtung veränderbarer Identitätskonstruktionen verschoben haben, zeigt der Beitrag von Petra Heyer und Gerhard Rupp.

Vor dem Hintergrund dieser Studien beschreibt Bettina Hurrelmann «die historische und kulturelle Relativität des 'gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekts' als normative Rahmenidee für Medienkompetenz» und schliesst damit den ersten inhaltlichen Hauptteil des Buches ab.

Die Beiträge des zweiten Hauptteils setzen sich mit dem Kompetenzbegriff vor allem in Abgrenzung von Chomsky und Habermas auseinander (Tilmann Sutter und Michael Charlton), vergleichen bisherige Modelle von Medienkompetenz im Hinblick auf pädagogische und didaktische Perspektiven hin (Cornelia Rosebrock und Olga Zitzelsberger), während Norbert Groeben die Dimensionen des hier vorgeschlagenen Konzeptes von Medienkompetenz beschreibt. Die von ihm skizzierte Binnenstruktur weist sieben Dimensionen bzw. Teilkompetenzen auf: Medienwissen/Medialitätsbewusstsein; medienspezifische Rezeptionsmuster; medienbezogene Genussfähigkeit; medienbezogene Kritikfähigkeit; Selektion/Kombination von Mediennutzung; (produktive) Partizipationsmuster; Anschlusskombinationen.

Dieses Konzept einer dimensionalen Medienkompetenz wird im dritten Hauptteil anhand von Beispielstudien auf seine theoretische und empirische Brauchbarkeit hin untersucht, wobei die thematischen Ausrichtungen der fünf Beiträge eine grosse Bandbreite von Forschungsfragen und -gegenständen belegen; als Beispiele seien die Studien zur Unterscheidungsfähigkeit von realistischen und fiktionalen Angeboten als einem Aspekt einer kritisch-konstruktiven Mediennutzungskompetenz (Margrit Schreier und Markus Appel) und zum Zusammenhang zwischen Mediennutzung der Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen bei Kindern erwähnt (Kathrin Schiffer, Marco Ennemoser, Wolfgang Schneider).

Dadurch, dass die Herausgeber sich im Buch selbst wiederholt zu Wort melden, sei das einleitend, zusammenfassend oder in eigenen wegweisenden Beiträgen, gelingt es ihnen, trotz der methodischen und disziplinären Vielfalt der Beiträge, diese an ihrem Konzept zu spiegeln und dem Buch so die nötige Kohärenz zu verleihen. Medienpädagogen und -wissenschaftlerinnen, die Aspekte von Medienkompetenz empirisch untersuchen wollen, bietet das Buch eine unverzichtbare Orientierungshilfe.

 

Letzte Änderung: 25.10.2002
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